Was Hecken für Bestäuber leisten
Naturnahe Hecken bieten weit mehr als Windschutz oder Grundstücksgrenzen. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts „Heckenleben“ zeigen, wie heimische Gehölze aus regionalem Saatgut Bestäuber fördern und warum die richtige Artenzusammensetzung den Unterschied macht.
21.07.26
Anna Schocher

Übersicht
Inhaltsverzeichnis
Was Bestäuber wirklich brauchen
Das österreichweite Forschungsprojekt „Heckenleben“ des Vereins Regionale Gehölzvermehrung unterstreicht die zentrale Rolle von Hecken aus heimischen Gehölzen für die Versorgung von Bestäubern und macht deutlich, unter welchen Bedingungen sie wirksam werden. Im Fokus stehen Blühabfolgen, Struktur und Herkunft der Pflanzen als entscheidende Faktoren für stabile Lebensräume. Die Erkenntnisse fließen in die praktische Arbeit des Vereins ein und werden unter anderem im Rahmen des Heckentags 2026 umgesetzt, wo die Pflanzen aus regionalem Saatgut auch von Privatpersonen und Betrieben gekauft werden können.
Es beginnt oft unscheinbar. Ein warmer Tag im Frühjahr, die ersten offenen Blüten, ein leises Summen, das plötzlich wieder da ist. Für einen Moment wirkt alles vertraut. Doch dieser Eindruck täuscht. Vieles, was Bestäuber brauchen, ist in den vergangenen Jahren seltener geworden. Blühflächen verschwinden, Säume und Vernetzungselemente gehen verloren, Zeiträume verschieben sich. Für viele Insekten bedeutet das keinen plötzlichen Einbruch, sondern einen schleichenden Verlust an Nahrung und Lebensraum. Lange Zeit fehlte zugleich belastbares Wissen darüber, welche Strukturen Bestäuber tatsächlich brauchen, damit sie über das ganze Jahr hinweg ausreichend Nahrung und stabile Lebensräume vorfinden.
Das kürzlich abgeschlossene, österreichweite Forschungsprojekt „Heckenleben“ des Vereins Regionale Gehölzvermehrung widmete sich über mehrere Jahre der Frage, welche Bedeutung naturnahe Hecken für Wildbestäuber haben und welche Eigenschaften heimische Gehölze als Nahrungsquelle besonders wertvoll machen.
Für die Landwirtschaft ist diese Frage von unmittelbarer Bedeutung, denn viele Kulturen profitieren von der Bestäubung durch Wildinsekten und manche sind sogar auf sie angewiesen. Doch Hummeln, Wildbienen und andere Bestäuber stehen nicht erst dann zur Verfügung, wenn eine Kulturpflanze blüht. Damit sie ihre Bestäubungsleistung erbringen können, müssen sie über die gesamte Saison hinweg Nahrung finden.
Die Untersuchungen zeigten, dass dafür nicht die einzelne Pflanze ausschlaggebend ist, sondern das Zusammenspiel vieler Arten. „Einzelne Pflanzen liefern Massentrachten und sind damit essenziell für die Ernährung von Bestäubern“, erklärt Johann Neumayer. Im Vorfrühling übernehmen diese Rolle vor allem Bäume und Sträucher wie Kornelkirschen oder verschiedene Weidenarten. Später folgen Vogelkirsche und Ahorn, im Frühsommer Linden. Die ersten großen Nahrungsquellen des Jahres stammen damit fast ausschließlich von Gehölzen. Erst ab Ende April treten krautige Pflanzen stärker in Erscheinung und gewinnen im weiteren Jahresverlauf an Bedeutung.
Doch für Bestäuber reichen diese Höhepunkte allein nicht aus. „Zwischen den Massentrachten braucht es ein kontinuierliches Blütenangebot, weil die bestäubenden Insekten auch in diesen Zeiten Nektar und Pollen brauchen“, so Neumayer. Naturnahe Hecken und ihre Säume sorgen dafür, dass vom zeitigen Frühjahr bis weit in den Sommer hinein immer wieder Nahrung zur Verfügung steht.
Während die Gehölze vor allem zu Beginn des Jahres blühen, sorgen später die krautigen Pflanzen in den Säumen für Nahrung. Viele spezialisierte Wildbienen sind auf Arten angewiesen, die selbst keine Massentracht bilden. Dazu zählen etwa Wicken, Glockenblumen oder Doldenblütler. Hecken bieten ihnen außerdem Schutz, Nistmöglichkeiten und Rückzugsräume.
Hecken als Lebensraum und Nahrungsquelle
Besonders deutlich wird die Bedeutung solcher Strukturen bei Kulturen, die von Wildbestäubern abhängig sind. „Beispielsweise ist der Ertrag von Pflanzen, die hauptsächlich von Hummeln bestäubt werden wie Ölkürbis, Pferdebohnen oder Erbsen nur gesichert, wenn vor und nach der Ackerfrucht ein ausreichendes und diverses Blütenangebot zur Verfügung steht, um die Hummelpopulationen zu ernähren“, erklärt Neumayer. Pflanzen wie Weiden, Berberitzen, Lerchensporn, Taubnesseln, Beinwell, Rote Heckenkirsche oder Wildrosen liefern einen Teil dieser Nahrung und wachsen häufig im Umfeld naturnaher Hecken.
Hecken sind deshalb weit mehr als Feldränder, Windschutz oder Grundstücksgrenzen. Gemeinsam mit ihren Säumen schaffen sie Lebensräume, die Bestäuber über das ganze Jahr hinweg begleiten. Davon profitieren nicht nur die Insekten selbst, sondern auch Kulturen, deren Ertrag und Qualität von einer verlässlichen Bestäubung abhängen.
Wann eine Hecke wirklich wirkt
Ob eine Hecke Bestäubern tatsächlich hilft, hängt von ihrer Zusammensetzung und ihrem Aufbau ab. Werden Arten ohne Blick auf ihre Blühzeiten kombiniert, entstehen Versorgungslücken. Auch die Struktur spielt eine wichtige Rolle. Dichtere und offenere Bereiche sowie unterschiedlich hohe Gehölze schaffen Lebensräume für verschiedene Bestäuberarten. Viele dieser Eigenschaften entwickeln sich erst mit den Jahren und erst mit der Zeit entstehen jene Strukturen, die Nahrung, Schutz und Nistmöglichkeiten dauerhaft bereitstellen.
Die österreichweite Auswertung zeigte außerdem, wie stark sich Standorte unterscheiden. Klima, Boden und Höhenlage beeinflussen, wann Gehölze austreiben, blühen und Früchte tragen. Was in einer Region gut funktioniert, muss deshalb nicht automatisch auch an einem anderen Ort wirksam sein. Genau deshalb spielt die Herkunft der Pflanzen eine wichtige Rolle. Gehölze aus regionalem Saatgut sind an die Bedingungen ihrer Umgebung angepasst. Sie entwickeln sich im Einklang mit ihrer Region und schaffen Blühangebote, die zum jeweiligen Standort passen.
Der Verein Regionale Gehölzvermehrung arbeitet bereits seit seiner Gründung im Jahr 1993 nach diesem Prinzip. In verschiedenen Regionen Österreichs wird Saatgut von wild wachsenden Gehölzen gesammelt und in spezialisierten Baumschulen weitervermehrt. Die daraus entstehenden Pflanzen werden anschließend wieder in jene Regionen zurückgebracht, aus denen das Saatgut stammt. So bleiben die regionale genetische Vielfalt und die Anpassungen an den jeweiligen Standort erhalten.
Von der Forschung in die Praxis
Wie dieses Wissen in der Praxis umgesetzt wird, zeigt der Heckentag, den der Verein seit vielen Jahren organisiert. Dort werden heimische Gehölze angeboten, die aus regionalem Saatgut stammen. Auch die Heckenpakete sind so zusammengestellt, dass sie über das Jahr hinweg Nahrung, Schutz und Struktur bieten können.
Im Herbst 2026 werden diese Pflanzen wieder erhältlich sein. Ab 1. September können heimische Sträucher, Bäume und Heckenpakete online unter heckentag.at bestellt werden. Die Ausgabe erfolgt im November an mehreren Standorten in Niederösterreich, ergänzt durch die Möglichkeit einer Zustellung.
Die Ergebnisse aus „Heckenleben“ zeigen, dass Bestäuber nicht von einzelnen Blühereignissen profitieren, sondern von Lebensräumen, die über das ganze Jahr hinweg funktionieren. Heimische Hecken können dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Sie verbinden Lebensräume, fördern Bestäuberpopulationen und schaffen Bedingungen, von denen auch die Landwirtschaft profitiert.