Die Vielfalt der Mehlbeeren – Versuch einer Annäherung

13.07.26

Harald Rötzer

Sorbus aria Blüte

Einleitung

Beschäftigt man sich mit Wildobst, landet man bei den Rosengewächsen, Unterfamilie Kernobst, bald bei einer recht illustren Gattung mit dem wissenschaftlichen Namen Sorbus. Üblicherweise werden Vogelbeere (=Eberesche), Mehlbeere, Elsbeere und Speierling dazu gezählt. Sehr alte, aber auch ganz moderne Gliederungen ordnen die Arten aber auch anders zu Gattungen. Die Verwandtschaft zu Birnen, Weißdorn, Mispel/Asperl sowie Steinmispel (Cotoneaster) ist jedenfalls eng, Äpfel und Quitten sind nur ein paar Schritte entfernt.
Auf den ersten Blick ist es einfach, eine Mehlbeere zu erkennen. Es sind mittelgroße Bäume, die meistens gut 10 m groß werden, manchmal auch große Sträucher. Die Blätter sind ungeteilt, eiförmig bis etwas länglich, am Grund meist abgerundet, oberseits glänzend grün und unterseits auffällig weißfilzig. Im Mai erscheinen weiße, in großen Scheindolden angeordnete Blüten. Blütenstiele und Kelchblätter sind ebenfalls weißfilzig. Die Früchte reifen ab September und bleiben im Winter lange am Baum. Sie sind rot mit zahlreichen kleinen Pünktchen, meist etwas länger als breit mit 1 bis 1,5 cm Durchmesser. Sie schmecken eher langweilig mehlig, wurden traditionell mit Mehl vermischt zum Brotbacken und gelegentlich auch zum Schnapsbrennen verwendet. Die Fruchtkonsistenz und der Verwendungszweck erklären auch den Namen, der als nicht-wissenschaftlicher „Volksname“ (etwa: „“Möbea(r)l“ = „Mehlbeerl“) auch für den Weißdorn verwendet wird.
Die Bäume wachsen sehr langsam mit oft krummschäftigem Stamm und können sehr alt werden. Das Holz ist hart und dauerhaft. Aufgrund der geringen Konkurrenzkraft kommen Mehlbeerbäume meistens beigemischt in lichten, von anderen Baumarten dominierten Wäldern oder in Gebüschen vor. Kalkreiche Standorte werden bevorzugt. Im Wesentlichen ist die Mehlbeere eine Baumart des Berglandes, in Österreich in den Kalkalpen weit verbreitet.

Mehlbeere ist nicht Mehlbeere

Für viele praktische Zwecke kann man es darauf beruhen lassen, und muss ergänzend nur wissen, dass sich Mehlbeeren im Detail durch einen beachtlichen Formenreichtum auszeichnen. Wenn man die Vielfalt unter den Mehlbeeren aber tiefer verstehen will, lohnt ein kurzer Blick auf die Fortpflanzungsbiologie der Rosengewächse. Der Schlüsselbegriff dazu ist Apomixis: Fruchtbare Samen können auch ohne vorangegangene Befruchtung gebildet werden. So entstehen bei vielen Rosengewächsen durch eine idente Nachkommenschaft zahlreiche, oft nur lokal verbreitete „Kleinarten“, bis dann irgendwann durch Befruchtung und Kreuzung doch wieder eine neue, sich dann oft wieder konstant vermehrende Sippe entsteht. Extrem treiben das die Brombeeren, bei denen bei einem engen Artbegriff in Österreich Hunderte Arten beschrieben werden können. Auch die Wildrosen haben diesbezüglich einiges zu bieten. Bei den Mehlbeeren gibt es neben den weiter verbreiteten Arten, die sich sexuell fortpflanzen und daher eine gewisse genetische Varianz zeigen, auch apomiktische Arten mit kleinerem Verbreitungsgebiet, und darüber hinaus immer wieder entstehende Kreuzungen.

Beginnen wir im Großen: Neben der „normalen“ Mehlbeere Mitteleuropas (wissenschaftlich: Sorbus aria), die grob gesagt von Frankreich bis Nordwestafrika, zum Balkan und in die Karpaten vorkommt, gibt es eine von Süd- und Südosteuropa bis zum Kaukasus verbreitete „Doldige Mehlbeere“ (Sorbus umbellata). Nach dem bisher Gesagten sollte es nicht wundern, dass sich zwischen den beiden Arten eine ganze Reihe von Übergängen entwickeln konnte. Eine recht klar abgrenzte Sippe ist dabei die Griechische Mehlbeere (S. graeca). Es handelt sich um Sträucher und kleine Bäume, die in den Gebirgen des Mittelmeerraumes vorkommen und sich in Mitteleuropa deutlich wärmeliebender verhalten als S. aria. Man findet sie an felsenreichen Steilhängen auf kalkhaltigen Gesteinen in wärmeliebenden Eichenwäldern oder Gebüschen, etwa am Leopoldsberg oder in den Hainburger Bergen. Die Blätter sind oberhalb der Mitte am breitesten und deutlich keilförmig, kleiner als bei S. aria, die Früchte haben wenige große Punkte. Die Fortpflanzung kann sowohl sexuell als auch apomiktisch erfolgen.

An den gleichen Standorten im Osten Österreichs vermutlich sogar etwas häufiger als diese Art sind unklare Zwischenformen zwischen S. graeca und S. aria. Diese werden als Pannonische Mehlbeere (S. pannonica) bezeichnet.

Wer sich darüber hinaus noch auf die Suche nach einer besonderen Rarität der mitteleuropäischen Flora machen möchte, findet sehr selten in den Hainburger Bergen, im Kärntner Mölltal, bei Znaim in Südmähren und im Frankenjura am Oberlauf der Donau auch Übergänge zwischen S. graeca und S. umbellata, die als Donau-Mehlbeere (S. danubialis) bezeichnet werden. Die Blätter sind über der Mitte etwas gelappt und grob gezähnt. Interessanterweise wurde die Art lange übersehen und in den 1960er-Jahren bei der Revision alter Herbarbelege in Regensburg entdeckt.

Recht leicht erkennbar und gar nicht so selten ist noch eine Mehlbeerart des Gebirges. Die Zwergmehlbeere (S. chamaemespilus) tanzt mit rosa Blüten und unterseits graugrünen Blättern deutlich aus der Reihe der vielgestaltigen Mehlbeer-Verwandtschaft. Die bis 1,5 m hohen Sträucher wachsen zwischen Latschen und Grünerlen in der subalpinen Stufe der Kalkalpen. Dass die Art auch „(Alpen-)Zwergmispel“ genannt wird, stiftet nur etwas sprachliche Verwirrung, verursacht aber eigentlich keine Bestimmungsprobleme.

Kreuzungen mit anderen Arten – jeder mit jedem?

Während die Vielfalt innerhalb der Mehlbeeren zwar manchmal etwas verwirrend, aber immer noch überschaubar ist, wird alles noch deutlich komplizierter, wenn man sich die Kreuzungen zwischen den einzelnen Sorbus-Arten anschaut. Für einen Einstieg in die Thematik kann man sich in Gebieten umschauen, wo Mehlbeeren und die deutlich wärmeliebenderen Elsbeeren gemeinsam vorkommen, also etwa bei Puchberg am Schneeberg. Hier findet man oft große, kräftige Bäume, interessante Blattformen (z.B. mit seicht bis deutlich gelappten Blatträndern) sowie Fruchtfarben zwischen dem Rot der Mehlbeeren und dem Gelb der Elsbeeren. Auch geschmacklich kann man an der Grenze zwischen den mehligen und den süß-säuerlich-herb-bitteren Früchten interessante Erkundungen machen, und sich ansonsten an der Formenfülle der Natur erfreuen. Wissenschaftlich ist es durchaus korrekt, diese Verwandtschaft zusammenfassend als Sorbus latifolia agg. (Artengruppe der Breitblatt-Mehlbeere) zu bezeichnen.

Weitere Artbestimmungen innerhalb dieser Gruppe sind tatsächlich nur etwas für Spezialist*innen mit entsprechender Vorbereitung und Erfahrung. Der Grund dafür liegt nicht nur in den schon beschriebenen speziellen Fortpflanzungsverhältnissen überhaupt, sondern auch darin, dass an den Kreuzungen nicht nur die „gewöhnliche“ Mehlbeere S. aria beteiligt ist, sondern etwa auch die Griechische Mehlbeere. Auch die Vogelbeere (S. aucuparia) kommt als Kreuzungspartner in Frage, während sich unter den Sorbus-Arten der Speierling diesbezüglich offenbar nobel zurückhält. Dass manche Kreuzungen in den Folgegenerationen konstant bleiben, während andere wieder aufspalten, muss nach dem bisher Gesagten nicht mehr extra betont werden. Innerhalb der Gruppe der Breitblatt-Mehlbeeren sind etwa eine Hardegg-Mehlbeere (S. hardeggensis) im Thayatal oder eine Slowakische Mehlbeere (S. slovenica), die sehr selten auch im Leithagebirge vorkommt, beschrieben. Etwas häufiger ist die in der Osthälfte Österreichs in Gebüschen der Bergstufe vorkommende Österreichische Mehlbeere (S. austriaca), ein Baum mit auf bis zu einem Drittel der Fläche eingeschnittenen Blättern und kugeligen, gelbbraunen Früchten.

Wenn an den Kreuzungen auch die Vogelbeere beteiligt ist, entstehen zumeist im unteren Teil fiederschnittige Blattformen. Nachdem die Vogelbeere ihren Verbreitungsschwerpunkt auf den sauren Böden der Zentralalpen, des Wald- und Mühlviertels und in Teilen des Wienerwaldes hat, sind die Berührungspunkte mit den Mehlbeeren in der Natur gar nicht so groß. „Bastard-Ebereschen“ unterschiedlicher Entstehungsgeschichte kommen vereinzelt in Bergwäldern vor und werden als Zierbäume kultiviert. Eine besondere Geschichte hat die Schwedische Mehlbeere (S. intermedia), auch Oxelbeere genannt: Die Art entstand wahrscheinlich nacheiszeitlich im Ostseeraum aus Kreuzungen unter Beteiligung von Mehlbeere, Vogelbeere und Elsbeere. Die mittelgroßen Bäume wurden auch in Mitteleuropa gepflanzt. Um Wien sind sie verwildert, in Tschechien gilt die Art als eingebürgert. Die Blätter sind eiförmig und auf etwa einem Drittel der Fläche stumpf gelappt. Die orangeroten kugeligen Früchte mit gelbem Fruchtfleisch schmecken mehlig-süß.

Frucht der Mehlbeere

Sorbus aria
Die Mehlbeere aus der Gegend um Gloggnitz zeigt mit ihren seicht bis deutlich gelappten Blatträndern leichte Übergänge zur Elsbeere. Man kann sie zur Artengruppe der Breitblatt-Mehlbeere rechnen.

Bild: Markus Staudinger

Griechische Mehlbeere Blütenansatz und Blätter

Sorbus graeca
Bei der Griechischen Mehlbeere sind die Blätter oberhalb der Mitte am breitesten.

Bild: Markus Staudinger

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